Bier, Blasmusik und volle Festzelte – so kennt die Welt das Münchner Oktoberfest. Doch wenige Monate vor dem Anstich sorgt ein juristischer Streit um die berühmten Bierburgen für Unruhe: Im schlimmsten Fall könnten zwei große Zelte nicht rechtzeitig stehen, darunter das berühmte Anzapfzelt Schottenhamel, seit 1867 in Händen der Familie Schottenhamel. Von dort gehen alljährlich die Bilder von der Eröffnung um die Welt.
Der Wirt Alexander Egger will auf gerichtlichem Weg erreichen, dass große Oktoberfestzelte, Sinnbild bayerischer Gemütlichkeit und Herzstück des größten Volksfests der Welt, nach europäischem Vergaberecht ausgeschrieben werden. Die Entscheidung könnte weit über München hinaus wirken.
Zunächst steht bis Freitag nur eine Zwischenentscheidung an. Selbst sie könnte aber massive Probleme bringen. Egger hat beim Bayerischen Obersten Landesgericht den Eilantrag gestellt, dass die Stadt München die Wirte der beiden betroffenen Zelte - neben dem Schottenhamel-Zelt die Paulaner-Festhalle - bis zur Entscheidung in der Hauptsache nicht für das Fest zulassen darf. Diese Hauptsache-Entscheidung aber könnte sich bis nach dem Fest hinziehen.
Zwei Szenarien sind möglich
Erste Variante: Das Gericht lehnt Eggers Eilantrag ab. Die Wirte bekommen ihre Verträge für dieses Jahr und die Wiesn-Vorbereitungen laufen wie geplant weiter.
Zweite Variante: Die aufschiebende Wirkung wird verlängert – mit massiven Konsequenzen: Nur zehn Tage später, ab dem 29. Juni, startet offiziell der Aufbau der Festhallen. Die Betreiber warnen, dass schlimmstenfalls die Plätze von Schottenhamel und Paulaner-Zelt leer bleiben könnten.
Dabei müssen die Wirte Kellnerinnen und Kellner sowie Sicherheitspersonal anheuern. Teils muss schon jetzt für die Gastronomie bestellt werden. Hunderttausende Hendl werden alljährlich insgesamt auf dem Fest verspeist. Das spezielle Bier ist schon gebraut. Trotz allem würden die Reservierungen ganz normal weiter bearbeitet, sagt Christian Schottenhamel.
«Dann stellen wir gar nicht auf»
Solange keine rechtskräftige Entscheidung vorliege, könne der Aufbau der betroffenen Festzelte nicht beginnen, heißt es bei der Paulaner-Brauerei. Die Arbeiten seien äußerst komplex und erforderten erheblichen Zeitaufwand. Es bestehe das Risiko, dass die Zelte nicht mehr rechtzeitig aufgebaut werden könnten.
«Wenn wir nicht rechtzeitig aufstellen können, dann stellen wir gar nicht auf», sagt auch Michael F. Schottenhamel. «Und dann steht auf dieser Fläche kein Zelt, sondern vielleicht drei Kioske.» Christian Schottenhamel sinniert über die Vorstellung, dass die Plätze von Schottenhamel und Paulaner leer bleiben: «Steht da dann ein Zaun drumrum? Oder ist das dann eine Fläche für ein paar Karussells?»
Er scheint auch persönlich enttäuscht. «Ich habe Herrn Egger ursprünglich als Freund und Bekannten erlebt. Ich habe ihn in den Vorstand von Tourismus-Initiative und Dehoga geholt», sagt Christian Schottenhamel. «Im März hat er noch gesagt: Er wird nicht klagen.»
Wirte-Sprecher: «Riesen-Schaden»
Egger, der bisher mit der Münchner Stubn ein kleines Wiesn-Zelt mit einigen Hundert Plätzen betreibt, will ein großes Zelt mit mehreren Tausend Plätzen. Er bewarb sich, ging aber bei der Vergabe nach einem Punktesystem leer aus. Nun zieht der Geschäftsführer der WE Gutshof GmbH mit mehreren Anwälten in den Kampf.
Was den Gastronomen zu dem aufwendigen Streit treibt, gibt vielen Rätsel auf. Mancher fragt sich, ob Egger wirklich nur für sich handelt. Das Oktoberfest ist ein Riesengeschäft.
Wirte-Sprecher Peter Inselkammer warnte vor einer grenzenlosen Kommerzialisierung, sollte sich Egger durchsetzen. Bei einer europaweiten Ausschreibung gerate das Oktoberfest ins Visier multinationaler Konzerne.
Würden die Zelte tatsächlich nach europäischem Vergaberecht ausgeschrieben, würden Eggers Chancen nach Ansicht anderer Wirte nicht unbedingt steigen. Er hätte noch mehr Konkurrenz von Betreibern großer Zelte, die dafür mehr Erfahrung vorweisen könnten als er. «Er hat nichts davon, richtet aber einen Riesen-Schaden an», sagt Wiesn-Wirte-Sprecher Inselkammer. Und: «Sich reinzuklagen, ist keine bayerische Art! Die Wiesn ist ein Gemeinschaftsprojekt.»
Egger selbst hatte sein Vorgehen so erklärt: «Wir wollen, dass die Stadt München die begehrten Festzeltplätze künftig nach transparenten, objektiven und fairen Kriterien vergibt, und damit allen leistungsfähigen Bewerbern eine reelle und gleichberechtigte Chance auf ein großes Festzelt eröffnet.» Und er kündigte an: «Wir werden alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen.»
In erster Instanz vor der Vergabekammer Südbayern der Regierung von Oberbayern scheiterte er mit seinem Antrag auf eine Zelt-Zuteilung nach EU-Vergaberecht. Deswegen jetzt die nächste Instanz und der Eilantrag.
Sorge um Verlust von Tradition
Die Ablehnung von Eggers Vorstoß in erster Instanz war in München weithin begrüßt worden. Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) sagte, die Wiesn sei weit mehr als eine Großveranstaltung - «sie ist Ausdruck bayerischer Lebensart, ein Stück gelebter Kultur und ein weltweit bekanntes Symbol für München».
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