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Wie werde ich ein Narr? Kann das jeder?

Wie werde ich ein Narr? Kann das jeder?
Vor allem in Franken übernehmen die Narren am 11.11. das Zepter. (Archivbild) / Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Fastnacht lebt von Narren und ihrer Narretei. Narren unterhalten das Volk – aber das ist nicht ihre einzige Aufgabe.

Pünktlich um 11.11 Uhr läuten die Narren am kommenden Mittwoch, dem 11.11., mit Schlachtrufen wie «Helau» ihre Lieblingszeit im Jahr ein. Doch wer darf sich überhaupt Narr nennen? Braucht es dafür nur eine Kappe und ein bisschen Training im Konfetti-Werfen? Wolfgang Huskitsch, Verbandsschulungsleiter und Mitglied des geschäftsführenden Präsidiums beim Fastnacht-Verband Franken (Veitshöchheim), kennt sich aus: 

Narr ist nicht gleich Narr

«Der Narr ist derjenige, der schadfrei der Obrigkeit seine Meinung geigt», erklärt Huskitsch den jahrhundertealten Brauch. «Die Fastnacht ist seit jeher die Möglichkeit, der Regierung ungestraft zu sagen, was man von ihr hält.» Zu sehen und zu hören ist dieser Brauch auch noch heute etwa auf Prunksitzungen, wo Narren den örtlichen Bürgermeister kritisieren oder dem gemeinen Volk den Spiegel vorhalten. Auch Motivwagen bei Rosenmontagsumzügen, beispielsweise mit kritischem Putin-, Söder- oder Merz-Motiv, zeugen von der ursprünglichen Aufgabe der Narren.

Heutzutage geht es angesichts der Meinungsfreiheit aber längst nicht nur um Brauchtumspflege - das ausgelassene Feiern steht vielerorts im Mittelpunkt. Und auch diese Narren braucht es. Das Geschlecht spielt übrigens keine Rolle, gleichgeschlechtliche Prinzenpaare etwa sind längst nicht mehr selten.

Die Grundausstattung des Narren

Ohne Kostüm geht es nicht. Ob Clown, Cowboy oder Kartoffel: Entscheidend ist, dass man darin gehen, sitzen und schunkeln kann. Der Test ist einfach. Wer sich dreimal um die eigene Achse dreht und dabei nichts umwirft, ist startklar. Eine Kopfbedeckung gehört dazu, sie muss nicht perfekt sitzen, nur hoch genug sein, um Gesprächsstoff zu liefern. Wer sich verkleidet, zeigt, dass er Spaß versteht. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) etwa wirft sich gerne bis zur Unkenntlichkeit in Schale.

«Aber nur weil ich ein lustiges Hütchen aufsetze und mir drei Konfetti in die Jackentasche stecke, bin ich noch kein Narr», sagt Huskitsch, der Wissen um den eigentlichen Brauch wichtig findet. Sprich: Der Narr sollte wissen, warum er sich verkleidet.

Die Sprache der Narren 

Ein Narr sagt nicht «Guten Tag», sondern «Helau» wie in Franken oder «Alaaf» wie in Köln, je nach Region also etwas anderes. Meist wird dazu der Arm zum Gruß gehoben. Der Ruf «Kölle Alaaf» oder «Würzburg Helau» dient vor allem der lokalen Identität: Man zeigt damit, zu welcher Stadt und Narrenzunft man gehört. In der schwäbisch-alemannischen Fasnet gibt es eigene Narrenrufe und Gesten.

Wer zu früh ruft, outet sich als Neuling. Wer zu spät ruft, outet sich ebenfalls als Neuling. 

Das Schunkeln meistern 

Schunkeln klingt harmlos, ist aber eine Disziplin für sich. Der Oberkörper bewegt sich im Takt, die Arme liegen auf den Schultern der Nachbarn. Das jeweilige Lied wird mit Inbrunst gesungen, auch wenn der Text nur zur Hälfte bekannt ist. Die Strophen darf man mitsummen. Der Refrain ist Pflicht.

Oftmals müssen sich Narren auch von ihren Plätzen in den mehrstündigen Prunksitzungen erheben und mitklatschen, wenn Garden einziehen oder Büttenredner die Bühne verlassen. Nur zuschauen war gestern.

Den Umgang mit Konfetti üben 

Konfetti gehört zur Narrenzeit wie der Regen zum Herbst. Wer es zum ersten Mal in der Jacke, im Haar und sogar im Kaffee findet, sollte gelassen bleiben. Die Faustregel lautet: Konfetti verteilt man großzügig, aber nicht ins Gesicht des Nachbarn. Wer das beherzigt, hat sich das Prädikat «Narr mit Stil» verdient.

Um Müllabfuhr und Umwelt zu entlasten, schmeißen Narren bei Umzügen heute vielerorts allerdings lieber Süßigkeiten in die Menge. Kinder mit großen Tüten sammeln alles akribisch bis auf das letzte Bonbon ein. Manchmal ist auch ein eingepackter Krapfen dabei - ohne ihn ist die Fastnacht nichts.

Wissen um die Zahl 11 anhäufen

In den Fastnachtshochburgen hat sehr vieles mit der Zahl 11 zu tun. Sitzungen beginnen nicht zur vollen Stunde, sondern 11 Minuten später, und geleitet werden sie vom Elferrat. Die 11 ist eine Schnapszahl, eine Narrenzahl, wie man im Mittelalter gesagt hätte. Einer mehr als die zehn Finger und einer weniger als die zwölf Apostel. Nichts Halbes und nichts Ganzes.

Zudem markierte der 11. November, der Martinstag, früher das Ende der Erntezeit. Man feierte dies mit einem Braten, der Martinsgans. Dabei trank man dann auch gerne ein Glas zu viel. Nach getaner Arbeit ließ man es sich gut gehen - zumal anschließend eine Fastenzeit bis Weihnachten begann.

Viele der etwa 350 im Fastnacht-Verband Franken organisierten Vereine proklamieren am 11.11. ihre Prinzenpaare, so etwa die 1. Karnevalsgesellschaft Elferrat Würzburg. In München stellt der Karnevalsverein Narrhalla das offizielle Prinzenpaar den Närrinnen und Narren vor. In Nürnberg wird das neue Prinzenpaar des Festausschusses Nürnberger Fastnacht im Rathaus begrüßt. Für Freunde der schwäbisch-alemannischen Fastnacht beginnt die Session traditionell erst am 6. Januar.

Das Ende nicht verpassen

Mit dem Sitzungskarneval geht die Narretei im Januar und Februar so richtig los. Franken gilt bayernweit betrachtet als Hochburg des närrischen Frohsinns. In den Dörfern und Städten strömen Tausende zu den Gaudi-Umzügen, Prunksitzungen und Rathausstürmen. 

Mit der Kultsendung «Fastnacht in Franken» des Bayerischen Fernsehens steuert die Session – Narren sagen nicht Saison – am 28. Januar nächsten Jahres auf einen ihrer Höhepunkte zu. Die Fünfte Jahreszeit ist heuer sehr, sehr kurz: am 10. Februar 2027 ist schon Aschermittwoch.

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