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Zuhören als Programm: Daniela Groß ist erste grüne Landrätin

Daniela Groß ist Bayerns erste grüne Landrätin.  / Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Daniela Groß ist Bayerns erste grüne Landrätin. / Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Erstmals wird mit Daniela Groß eine grüne Politikerin in Bayern Landrätin. Warum ihr Wahlsieg in Landsberg am Lech als kleine Sensation gilt und was sie politisch anders machen will.

Mit einem in Bayern historischen Wahlsieg hat die Grünen-Politikerin Daniela Groß für ihre Partei ein Stück Geschichte geschrieben: Die 37-Jährige ist die erste grüne Landrätin im Freistaat – und die erste Nicht-CSU-Landrätin in Landsberg am Lech seit 1945. Ihr Erfolgsrezept: Nähe zu den Menschen, viele Gespräche – und der Anspruch, Politik über Parteigrenzen hinweg zu gestalten.

Sie suchte den Austausch, im Wahlkampf und im privaten Alltag. «Man ist ja ständig im Kontakt», sagt sie. «Das reicht schon, wenn ich meine Tochter vom Kindergarten abhole.»

Die Diplom-Verwaltungswirtin und Mutter zweier Kinder setzte sich bei der Stichwahl in dem oberbayerischen Landkreis mit 61,5 Prozent gegen den Amtsinhaber Thomas Eichinger (CSU) durch. Im Freistaat hatte es bisher überhaupt nur zwei grüne Landräte gegeben, Wolfgang Rzehak in Miesbach und zuletzt Jens Marco Scherf in Miltenberg.

Wegbereiterin für andere Frauen

Die Grünen feiern den Erfolg entsprechend. «Sie ist eine Wegbereiterin für andere Frauen», sagte Parteichefin Eva Lettenbauer über Groß. Die Menschen spürten, «wenn es eine ernst mit ihnen meint und deswegen wurde sie gewählt».

Die Fraktionschefin der Grünen im Landtag, Katharina Schulze, sagte: «Daniela Groß hat für uns Grüne Geschichte geschrieben.» Sie appellierte: «Starke Frauen nach vorne – je mehr Landrätinnen, desto besser.»

Groß sprach im Wahlkampf auch klassisch grüne Themen an, darunter den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Ihr Ziel sei es aber stets gewesen, überparteilich aufzutreten. Sie wolle bürgernahe Sachpolitik machen und im Kreistag weg von «Lagerdenken» und Postengeschacher. Mehrheiten seien teils über zusätzliche Posten gesichert worden. Zuletzt habe es vier Stellvertreter des Landrats von unterschiedlichen Parteien gegeben. «Das möchte ich so nicht machen.»

Kleine Tochter fieberte besonders mit

In ihrer Familie hat Groß vollen Rückhalt. Ihr Mann habe sie von Anfang an unterstützt und werde seine Arbeitszeit weiter reduzieren, um ihr den Rücken freizuhalten. «Nur so funktioniert das.» Die Eltern helfen bei der Betreuung der Töchter, die eine im Kindergarten, die andere in der Grundschule.

Seit ihrem guten Abschneiden im ersten Wahlgang sei «die Spannung kaum auszuhalten gewesen zu Hause». Die ganze Familie habe mitgefiebert – besonders auch die jüngste Tochter. «Sie wollte immer wissen, auf welcher Veranstaltung ich war. Ob mir das gefallen hat, ob es mir nicht gefallen hat.» Neben dem Ehemann waren die Töchter am Wahlabend mit im Landratsamt und hätten sich über den Erfolg «sehr, sehr gefreut». Auch wenn nicht ganz klar sei, ob sie verstehen, was es bedeute, dass die Mutter nun Landrätin sei.

Erfahrung in der Verwaltung

Groß hat die Innere Verwaltung und öffentliches Recht studiert und arbeitet seit 16 Jahren in verschiedenen Behörden, vom Sozialhilfeamt im Landratsamt München bis zum Landesamt für Verfassungsschutz. Zuletzt war sie in einer Verwaltungsgemeinschaft im Unterallgäu tätig. Diese Erfahrung helfe ihr nun. «Ich kenne die Abläufe in der Verwaltung – nicht nur theoretisch, sondern aus der Praxis.»

Aus Unzufriedenheit wird Engagement

Erst 2019 war Groß in die Politik eingestiegen und den Grünen beigetreten – aus Frust über die weltpolitische Lage und «weil ich fast schon vor der Politikverdrossenheit war». Damals sei Donald Trump das erste Mal US-Präsident gewesen – «und es gab Bolsonaro in Brasilien; Orban gab es, Erdogan gab es, Putin gab es – Männer, sag ich jetzt mal, die die Welt nicht gerade besser gemacht haben.»

Ihr Gedanke: «Wie kann es sein, dass immer solche Leute an die Macht kommen? Wieso macht nicht mal irgendjemand anders was? Und irgendwann habe ich gedacht, ich könnte ja mal im Kleinen anfangen.» Dass kaum jüngere Frauen in den Gremien saßen, habe sie zusätzlich motiviert. Sie kandidierte 2020 für Stadtrat und Kreistag – und wurde auf Anhieb gewählt. Sie habe eigentlich nicht gleich «Präsidentin oder irgendwie sowas» werden wollen - aber nun ist sie immerhin Landrätin.

Parallelen zu München

Sie sieht bei ihrem Überraschungserfolg Parallelen zum Wahlsieg ihres Parteikollegen Dominik Krause in München, der den SPD-Amtsinhaber Dieter Reiter aus dem Rennen warf. Reiter wie Eichinger hätten die Arbeit so gemacht, «dass die Menschen damit nicht zufrieden waren.» beide seien sich ihrer Sache zu sicher gewesen und hätten kaum Wahlkampf gemacht.

Krause und sie hätten hingegen den Kontakt gesucht. Groß besuchte alle 31 Gemeinden im Landkreis. «Wir haben zugehört, und das ist das, was die Menschen wollen. Sie wollen sich gehört und gesehen fühlen.» Diesen Stil wolle sie beibehalten – und sich in sechs Jahren genau daran messen lassen, ob die Menschen dann sagen: «Sie hört zu, sie ist da, sie nimmt uns ernst.»

Initiative für mehr Frauen in der Politik

Für viele Frauen sei eine politische Karriere noch immer schwerer umsetzbar als für Männer. Kommunalpolitik sei oft schlecht mit Familie vereinbar – Sitzungen am Abend, hohe zeitliche Belastung. Statt nur Frauen zu mehr Engagement zu ermutigen, fordert Groß strukturelle Veränderungen – und Veränderungen im Denken gerade auch bei Männern. «Wir müssen die Bedingungen so machen, dass es für Frauen machbar ist.»

Die Initiative «Bavaria ruft» hatte vor der Wahl für mehr Frauen in der Politik geworben. In zwei Landkreisen, in denen ebenfalls grüne Kandidatinnen gegen CSU-Amtsinhaber antraten, obsiegten zwar die Amtsinhaber. Im Landkreis München gewann Christoph Göbel mit 63,2 Prozent vor der Grünen Marion Seitz. Im Landkreis Fürstenfeldbruck machte Thomas Karmasin, seit 30 Jahren im Amt, mit 56,5 Prozent das Rennen. Seine grüne Herausforderin Ronja von Wurmb-Seibel erzielte aber beachtliche 43,5 Prozent.

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