«Schweigen». Vierzehnmal ordnete Eugen Gomringer das Wort an, in drei Spalten und fünf Zeilen. Nur in der Mitte des Gedichts blieb eine sprachliche Lücke. Sie zeigt das Schweigen, auch wenn das Wort selbst fehlt. Eugen Gomringers «Schweigen» erschien 1960 in der Gedichtsammlung «33 konstellationen». Nun ist der Lyriker selbst für immer verstummt und wird eine Lücke hinterlassen. Am Donnerstag ist Gomringer im Alter von 100 Jahren in seiner Wahlheimat Bamberg gestorben, wie sein Sohn Stefan Gomringer am Freitag mitteilte.
Gomringer zählte zu den bedeutendsten zeitgenössischen Lyrikern. Als «Spracharbeiter» bezeichnete ihn der Schriftsteller Max Frisch einst. Er stehe wie nur wenige für das Sprachexperiment, schrieb seine Tochter Nora-Eugenie Gomringer, selbst Lyrikerin. Die «Nutzung der Sprache als unprätentiöses, klares Kommunikationsmittel, der Werbesprache nah, doch der Vision dichterischen Weltverständnisses noch näher».
Zu seiner konkreten Poesie inspirierte ihn die Kunst der Zürcher Schule der Konkreten. «Ich habe mir gedacht: Man müsste doch auch mit Worten so einfache Werke schaffen können», erzählte Gomringer bei einem Besuch zum 95. Geburtstag. Konkrete Poesie sei für ihn damals das ästhetische Kapitel einer neuen literarischen Weltbewegung gewesen.