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Gustav Weisskopf: Vor 125 Jahren hob die «Condor Nr. 21» ab

Gustav Weisskopf: Vor 125 Jahren hob die «Condor Nr. 21» ab
Er war wohl der Erste, der ein Motorflugzeug in die Luft brachte: Gustav Weisskopf vor seiner Maschine. (Archivbild) / Foto: picture alliance / dpa
Von: DieBayern.de News
Es gilt als eines der großen Rätsel der Technikgeschichte: Wer flog als Erster mit Motor? Während die halbe Welt auf die Gebrüder Wright tippt, tendiert die Fachwelt mehr und mehr zu einem Franken.

Viele Kindergartenkinder aus Mittelfranken haben gegenüber dem Rest der Welt einen großen Wissensvorteil: Auf die Frage, wer als erster Mensch ein motorgetriebenes Flugzeug in die Luft brachte, antworten sie nicht automatisch: Die Gebrüder Wright! Denn bei einem Museumsbesuch im Örtchen Leutershausen bei Ansbach haben sie erfahren: Das erste Motorflugzeug hat ein Franke entwickelt: Gustav Weisskopf. 

Am 14. August 1901, also vor genau 125 Jahren, so ist es überliefert, hob die Maschine im US-Städtchen Bridgeport im US-Bundesstaat Connecticut vom Boden ab. Den Gebrüdern Wright gelang ihr erster Motorflug in Kitty Hawk erst im Dezember 1903. Auch das US-Luftfahrt-Standardwerk «Jane's», eine Art «Bibel» für Luftfahrtexperten, ist sich seit 2013 sicher: «Die Wrights lagen richtig, aber Weisskopf lag vorne.» 

Andere Experten sind nicht so überzeugt. So erkennt etwa das renommierte Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington die Leistung von Weisskopf nicht an. Beim Besuch eines Reporters nur Monate nach der angeblichen Pionierleistung sei bei ihm nichts mehr von dem Flugzeug zu sehen gewesen - stattdessen habe er wieder an einem Dreidecker experimentiert, wie schon vor der «Nr. 21». Und auch zehn Jahre nach dem angeblichen Pionierflug sei er nicht mehr in der Luft gewesen. Auch das Deutsche Museum in München erkennt Weisskopf nicht an.

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Weisskopf hatte Deutschland um 1890 verlassen und war nach Jahren als Seefahrer und einem Aufenthalt in Brasilien 1897 in die USA gekommen, wo ihn die Boston Aeronautical Society anheuerte. Später baute er Flugmotoren. Doch der unternehmerische Erfolg stellte sich nie ein. Am Ende wurde er wieder Fabrikarbeiter und starb 1927. Seine Nachfahren haben heute noch Kontakt mit Leutershausen, sagt Museumschefin Laura Gebauer. 

800 Meter weit in der Luft

Eine halbe Meile, also rund 800 Meter, soll Weisskopfs Flug mit der aus Bambus und Seide gebauten «Nr. 21» lang gewesen sein, mit einer Geschwindigkeit von rund 45 Stundenkilometern. Zeitungen berichteten Tage später von der Pionierleistung. Heute weiß man: Es muss eine Art Suizidkommando für den Piloten gewesen sein, der das Flugvehikel stehend lenkte. 

«Die Motoren seines Flugapparates hat Weisskopf mit Acetylen befeuert», weiß Laura Gebauer. Sie leitet heute das 2023 in neuer Pracht eröffnete Gustav-Weisskopf-Museum in Leutershausen, dem Geburtsort des Entwicklers. Acetylen ist ein Kohlenwasserstoff, der extrem explosionsanfällig ist. Ein Funke hätte wohl genügt. 

Auch das ist einer der Punkte, weswegen Weisskopfs Pionierflüge mit seinem Fluggerät Nr. 21 bis heute in der Fachwelt nicht vollständig anerkannt werden. Der Apparat sei nicht nachhaltig in der Luft steuerbar gewesen, die Hüpfer von Bridgeport könnten somit nicht als Motorflüge im eigentlichen Sinne gelten, argumentieren Kritiker. 

Wissenschaftler: Ohne Zweifel flugfähig

Beweise wie etwa Filmaufnahmen oder zumindest belastbare Fotos gibt es nicht. Dennoch sehen Luftfahrtenthusiasten und zumindest ein Teil der Fachwelt die Sache anders. Für Professor Klemens Rother, der sich an der Hochschule München seit Jahren mit der Thematik beschäftigt, ist klar: «Für mich besteht kein Zweifel, dass die Condor Nr. 21 von Gustav Weisskopf geflogen ist», sagt er. 

Enthusiasten haben sich sogar die Mühe gemacht, die Nr. 21 originalgetreu nachzubauen. 1997 glückte ein Flugversuch in Manching, 1998 ein weiterer. In Leutershausen ist die «21B» heute Prunkstück der Museumsausstellung. 

Die Frage, ob Weisskopf oder «Gustave Whitehead», wie sich der Franke nach seiner Auswanderung in die USA nannte, tatsächlich motorisiert geflogen ist, entzweit bis heute die Fachwelt. In früheren Jahren führte sie sogar zu gegenseitigen Anschuldigungen und Bezichtigungen der jeweiligen Lager. 

Wissenschafts-Krimi

«Die Weisskopf-Kontroverse ist ein echter Wissenschafts-Krimi mit Schurken und Helden, ohne dass ganz klar zu sein scheint, wer nun eigentlich wer ist», schreibt etwa das Deutsche Patent- und Markenamt auf seiner Internetseite. Es sei Fakt, dass ein letzter Beweis für Weisskopfs Pioniertat fehle. «Fakt ist aber auch, dass die Wrights ihren Anspruch auf den Ruhm des ersten Motorflugs einerseits zielstrebiger und eloquenter, andererseits aber teilweise auch mit fragwürdigen Mitteln durchsetzten», heißt es dort weiter. 

Denn auch ihr Erstflug und die damit verbundenen Beweismittel werfen Fragen auf. So zweifelt etwa der Luftfahrthistoriker John Brown seinerseits den Flug der Gebrüder an. Der Schattenwurf und weitere Details auf einem der gezeigten Bilder deuteten auf eine Manipulation hin.

Weisskopf, der seine Berufsbezeichnung selbst schon sehr früh mit «Aeronaut» angab, war nicht sehr zufrieden mit seinen ersten Versuchen. «Die Flüge taugen alle nichts, weil sie nicht lange genug anhalten», soll er geäußert haben. Später baute er viele weitere Flugapparate, lieferte Motoren und Antriebstechnik. 

In Sachen Renommee haben ihn die Wrights jedoch weit überholt. Zwar hat der Bundesstaat Connecticut seinen Flug von 1901 als Pioniertat anerkannt. Einige Gedenkstücke von damals sind im Connecticut Air & Space Center ausgestellt. Begraben ist Weisskopf auf einem Friedhof in der Stadt Bridgeport. Sein früheres Wohnhaus in der Stadt Fairfield wurde 2014 abgerissen, um einem Neubau Platz zu machen.

Die Wrights sind die Flug-Superhelden

Die Flug-Superhelden in den USA bleiben unumstritten die Orville und Wilbur Wright. Zum 100. Jubiläum ihres ersten anerkannten Motorflugs in der Geschichte der Menschheit kamen 2003 Tausende Menschen nach Kitty Hawk in den US-Bundesstaat North Carolina, wo Flüge mit einem originalgetreuen Nachbau des Wright-Fliegers versucht wurden. Auch der damalige US-Präsident George W. Bush würdigte die Pioniere.

Ihr Original-Flieger hängt inzwischen in einem Museum in der Hauptstadt Washington. Der Flugplatz von damals ist heute das Wright Brothers National Memorial, das jedes Jahr rund eine halbe Million Menschen besuchen.

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